„Hidden Agenda“ und offizielles Thema. 1. Teil: Wie entstehen Erwartungen an ein Seminar?

Nach einer Veranstaltung in Bremen neulich war es wieder einmal Thema: warum erwarten manche Teilnehmer sehr viel anderes vom Fortbildungsseminar als sie eigentlich erwarten könnten? Liegt es daran, wie Seminare in Unternehmen zustande kommen – ja und wie kommen sie eigentlich zustande?

Die Fort- und Weiterbildung fragt nach der Festlegung der Pflichtthemen, welche Themen sonst noch notwendig und wichtig sind. Vorgesetzte bekommen eine Mail und erfragen Bedarfe und Wünsche bei den Mitarbeitern, die sie an die Fort- und Weiterbildung zurückmelden. Daraus entstehen die Themen, die man mit mir als Trainer abspricht und organisiert. Am Ende steht eine Veranstaltung im Programm, wie z.B. folgende: „Türen öffnen und Grenzen ziehen. Der professionelle Umgang mit schwierigen Menschen“ und ich kann gleich drei Termine im Kalender blocken, weil der Bedarf zu groß ist. Ich bin glücklich allein schon deshalb, weil ich ein tolles Thema mit vielen Gestaltungsmöglichkeiten anbieten kann. Deswegen habe ich auch nur die inhaltlichen Höhepunkte in die Ausschreibung aufgenommen, aber auch die reichen gut und gerne für zwei Tage.

Teilnehmersuche

Der nächste Akt ist die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu finden. Wieder spielen Vorgesetzte eine wichtige Rolle, weil meistens sie die Teilnahme genehmigen und aus ihrem Budget finanzieren. Sie bestimmen Teilnehmer – „Frau Müller, sie sind natürlich für das Seminar gesetzt. Richten Sie bitte ihre Termine danach.“ Oder sie reagieren auf Bitten von Mitarbeitern: „Herr Huber möchte gern ins Seminar gehen. Spricht etwas dagegen?“ Manchmal muss das Seminar aber auch voll werden, d.h. es gibt bereits so viele Anmeldungen, dass es nicht abgesagt wird, aber trotzdem immer noch freie Plätze hat: „Es sind noch einige Plätze frei. Hat jemand Interesse? Wir haben auch noch etwas Geld in unserem Fortbildungsetat.“

Unterschiedliche Erwartungen

Wenn ich zu Beginn des Seminars die Anwesenden begrüße, haben wir exakt so viele unterschiedliche Erwartungen an das Seminar, wie Menschen auf den Stühlen sitzen. Aber nur eine Erwartung ist mir wirklich bekannt – nämlich meine. Die ist so ziemlich deckungsgleich mit den „offiziellen“ Themen, die vorn auf einem Flipchart-Blatt noch einmal in meiner schönsten Handschrift zu lesen sind.

Es wäre leichtsinnig von mir, die Diskrepanz der Erwartungen nicht in Erwägung zu ziehen. Die Frage also lautet nicht: Spielen wir alle nach der gleichen Partitur, sondern vielmehr: nach welchen Partituren wird gespielt?

Kurz gesagt: die Teilnehmenden haben andere Erwartungen an das Seminar als ich und ich darf diese Erwartungen nicht ignorieren. Ignoriere ich sie, würde das Seminar wahrscheinlich absaufen und bliebe am Ende als ein Ärgernis für alle im Gedächtnis. Wenn ich ein bloß ordentliches Seminar will, muss ich die Erwartungen zulassen; soll es ein gelingendes Seminar werden, muss ich die Erwartungen zur Sprache bringen und ihnen Raum geben. Es ist die Quadratur des Kreises: als Trainer muss ich das Unplanbare einplanen und bei seiner Realisierung mitwirken. Ich muss neben meinem „offiziellen“ Drehbuch einen versteckte Themenkreis zulassen, eine “Hidden Agenda“, die von den Erwartungen der Teilnehmer formuliert wird.

Was ist zu tun?

Wie Seminare zu ihren Themen und die Teilnehmer zum Seminar kommen, habe ich oben nach Erzählungen anderer und eigenen Erfahrungen beschrieben. Wir haben hier allein schon drei ganz unterschiedliche Erwartungsdimensionen: Frau Müller wurde geschickt, Herr Huber möchte ins Seminar und die Teilnehmer aufgrund der freien Plätze haben noch wieder andere Erwartungen. Hoffentlich wäre Frau Müller auch ohne Befehl gegangen, und Herr Huber geht vielleicht, weil er sich für eine bestimmte immer wiederkehrende Situation Unterstützung verspricht. Die dritte Gruppe kommt eventuell, weil sie für zwei Tage dem Alltag entfliehen will. Und alle sitzen am ersten Tag auf ihren Stühlen und schauen mich an. Alle bringen Erfahrungen mit, die zu Erwartungen werden, die Erwartungen formulieren die Bedürfnisse. Alle wollen, dass etwas Bestimmtes geschieht oder nicht geschieht – „bloß keine Rollenspiele“, werden wir später hören. Was ist nun meine Aufgabe als Trainer?

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